Wirtschaftsmediation und Juristerei vereint
MMag. Juliana Ghasemipour-Yazdi, Wirtschaftsjuristin und Mediatorin, im Interview

Wie lange dauert denn die Ausbildung zum Mediator/zur Mediatorin? Welche Hürden stehen einem da konkret bevor?
Die Ausbildung zur eingetragene/n Mediator/in ist in Österreich im Zivilrechtsmediationsgesetz geregelt. Hier ist ein theoretischer Ausbildungsteil und ein praktischer Teil zu absolvieren. Für die Eintragung zum/zur eingetragenen Mediator/in im BMJ sind 365 Ausbildungseinheiten erforderlich (laut Zivilrechts-Mediations-Ausbildungsverordnung BGBl II 2004/47). Neben universitärer Ausbildung bieten Vereine, die im BMJ gelistet sind, auch rein praxisorientierte Ausbildung für Mediation an. Eine durchschnittliche Ausbildung dauert rund 2 Jahre.
Wie läuft so ein Mediationsverfahren in der Praxis eigentlich ab?
Nach Kontaktaufnahme wird der Auftrag geklärt, welche Personen vom Konflikt betroffen sind und an der Mediation teilnehmen. Weiters erfolgt die Klärung, ob mit oder ohne Rechtsvertretung mediiert werden soll, dies wird je nach Wunsch der Parteien vereinbart. Es wird der Mediationsvertrag an die Parteien übermittelt, in dem die Rahmenbedingungen für das Mediationsverfahren festgehalten sind sowie die Kosten für die MediatorInnen. Wichtig ist die transparente Kommunikation mit beiden Seiten bereits vor der ersten Mediationssitzung. Allparteilichkeit ist die große Disziplin im Mediationsverfahren.
Der Mediationsprozess läuft strukturiert in mehreren Phasen ab. Eine Lösung gilt erst dann als vereinbart, wenn alle Parteien vollinhaltlich einverstanden sind. Auch Teillösungen sind möglich, manchmal gelingen auch Prozessvereinbarungen als nächster Schritt.
Es gibt unterschiedliche theoretische Modelle, ich arbeite mit einem fünf Phasen Modell.
- Auftragsklärung & Sichtweisen einholen
- Themensammlung der Parteien
- Interessen herausarbeiten
- Optionen entwickeln
- Lösungen finden
Die strukturierte Vorgangsweise gibt den Konfliktparteien Sicherheit und Klarheit, Themen sowie die Lösungsfindung erfolgt durch die Parteien. Das Mediatorenteam arbeitet im Prozess mit verschiedenen Interventionen, achtet auf die Gesprächskultur und die Struktur. Vor dem ersten gemeinsamen Termin werden häufig Einzelgespräche vereinbart, um die Positionen und den Lösungswillen zu klären. Danach erfolgt der erste gemeinsame Termin mit allen Parteien. Das Arbeiten im Mediationsverfahren ist für die Parteien meist sehr intensiv, da sie sich mit ihren Konflikten eigenverantwortlich auseinandersetzen müssen und nicht wie bei Gericht an die Anwälte delegieren können. Das erscheint oft ungewohnt und verunsichert die Konfliktparteien. Mit entsprechenden Interventionen unterstütze ich hier das Verständnis und die Klarheit für den Vorteil in der Mediation, in der die Betroffenen selbst für die Lösung verantwortlich sind. Den Rahmen bietet schließlich die durch die RechtsvertreterInnen formulierte verbindliche Mediationsvereinbarung. Häufig ist das Vertrauen auch nach erfolgreicher
Mediation immer noch so „angeschlagen“, dass die Parteien sich dazu entscheiden, einen gerichtlichen Vergleich abzuschließen, um bei Bedarf einen Exekutionstitel zu erwirken.
Wie familienfreundlich ist der Beruf? Kann man davon ohne weiteres finanzielles Standbein leben?
Selbständige Zeiteinteilung ist einerseits von Vorteil für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Andererseits summiert sich der Aufwand für Kommunikation, Telefonate, E-Mail-Korrespondenz etc mit den Parteien, auch zwischen den Terminen. Nicht jedes Telefonat ist verrechenbar. Dazu dient ein einfacher, aber gut ausformulierter Mediationsvertrag, indem Vor- und Nachbearbeitung definiert sind. Ein passender Mediationsverein, indem man sich ein Netzwerk aufbaut und KollegInnen kennenlernen kann, ist von Vorteil. Auch für die Haftpflichtversicherung als MediatorIn. Ich habe mich für einen interdisziplinären, kleinen Mediationsverein entschieden, dort konnte ich bald als Vorstandsmitglied gemeinsam mit meinen KollegInnen viele Aktivitäten für die Wirtschaftsmediation in Österreich sowie die Pilotprojekte bei Gericht umsetzen. Meiner Erfahrung nach dauert es einige Jahre, um ausreichend Erfahrung zu sammeln und den nötigen Bekanntheitsgrad für einen gut gebuchten Terminkalender zu erwerben. Anfangs ist ein finanzielles Standbein für die Absicherung der laufenden Kosten sicher ratsam.
Über MMag. Juliana Ghasemipour-Yazdi
Sie studierte parallel Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaft, machte sich 2005 dann selbständig als Unternehmensberaterin und ist ausgebildete Wirtschaftsmediatorin. Seit 2017 begleitet sie als Prozessleiterin und Mediatorin die Verhandlungen im Verein Dialogforum Flughafen Wien, betreut große Wirtschaftsmediationsverfahren und lehrt an der WU und am Juridicum Wien. Zusätzlich engagiert sie sich im Vorstand mehrer Vereine und publiziert Fachartikel.
Die Langfassung des Interviews kannst du ab Juni in der JAP 04/2022 lesen.